Fanø - ein Naturparadies
von Marco Brodde, Naturführer auf Fanø
Die schönsten Erlebnisse, die das Leben zu bieten hat, sind oftmals ganz klein. Der Wechsel der Jahreszeiten bringt immer neue Eindrücke mit sich, wenn man sich mit wachen Sinnen umschaut.
An milden Februartagen kann man bereits den Gesang der Lerche vernehmen, ab Mitte März kreisen Kiebitze über den Wiesen, und bald stellen sich riesige Schwärme von Zugvögeln auf der Insel ein. Dann geht es hier
äußerst geschäftig zu, und Vögel unterschiedlicher Arten wechseln einander ab. Erst wenn Wattvögel aus arktischen Breiten Anfang Juni ihren Aufenthalt im Wattenmeer beenden und nach Sibirien und Grönland weiterfliegen, beginnt hier der Sommer. Zu diesem Zeitpunkt haben einige der hier brütenden Vögel bereits Nachwuchs bekommen! Nur 14 Tage, nachdem die letzten Zugvogelschwärme abgezogen sind, legen die ersten Vögel auf ihrem Weg in südlichere Gefilde Rast auf der Insel ein.
Dass die Jahreszeiten am Wattenmeer ineinander übergehen, lässt sich an zahlreichen Blumen ablesen, die in den Mulden zwischen den Dünen noch blühen, während andere Arten im Spätsommer bereits verblüht sind. Dank des ständigen Wechsels in der Natur gibt es für den aufmerksamen Betrachter immer etwas Neues zu entdecken.
Ein seltener blauer Schmetterling - entdeckt von Nina aus Köln
Wenn der Sommer Einzug gehalten hat, wimmelt es auf Fanø nur so von Insekten. Besonders auffällig sind natürlich die schönen Schmetterlinge und faszinierenden Libellen. Auch wenn es Aufgabe des Naturführers ist, auf die kleinen Dinge in der Natur aufmerksam zu machen, so passiert es zuweilen, dass Exkursionsteilnehmer Interessantes entdecken und dem Naturführer zeigen können.
So ging es auch Nina Huber aus Köln, als sie auf der Insektensuche zusammen mit ihren Eltern bei Sønderho Gl. Fuglekøje (Vogelkoje) einen Bläuling erblickte, der sich von den anderen, hier vorkommenden Arten unterschied. Da ihn der Naturführer nicht kannte, musste er im Bestimmungsbuch für Schmetterlinge nachschauen. Man fand schnell heraus, dass es sich um einen Faulbaumbläuling handelte, der dem Buch zufolge eigentlich gar nicht auf der Insel vorkommt. Doch zum Glück haben diese Geschöpfe Flügel und können so für Überraschungen sorgen.
Eine Kreuzkröte, die den Bus aufhält
Für eine Überraschung sorgten im Herbst auch die Mädchen einer 8. Grundschulklasse. Während einer Führung an der Südspitze der Insel (Hønen) waren sie zunächst nicht begeistert von den vielen Fröschen und Kröten. Dann begannen sie jedoch, die eine oder andere vorsichtig hochzunehmen, was sie so entzückte, dass sie sich kaum losreißen konnten, als es zum Bus zurückgehen sollte. Da die Zeit drängte, war der Naturführer nur widerstrebend bereit, nochmals eine Kröte zu begutachten. Dann war er aber doch überrascht, denn eine Mädchenhand hielt ihm eine seltene Kreuzkröte entgegen.
Zwar gibt es sie an mehreren Stellen auf der Insel, doch sind sie landesweit eher selten. Auch auf Fanø bekommt man sie selten zu Gesicht! Wären die Schulmädchen nicht gewesen, hätte das tolle Bild der Kröte gar nicht zustande kommen können.
Zahlreiche seltene Orchideen auf der Weide
Die Fauna der Insel hält aber auch Überraschungen bereit. Auch wenn viele der hiesigen Pflanzen bedroht sind, tauchen doch einige Arten an Stellen auf, wo man sie nicht vermutet.
Orchideen gehören zu den bedrohten Arten, und ihre Lebensbedingungen in der heutigen Kulturlandschaft sind alles andere als gut. Auf Fanø stellt der Bewuchs offener Flächen mit Büschen und Bäumen ein Problem dar. Orchideen brauchen viel Licht, und weil die Schafe auf der Insel längst nicht mehr so zahlreich sind, verschwindet mit dem Bewuchs auch diese Pflanzengattung. Dort, wo Rinder zwischen den Dünen weiden, haben sie jedoch eine Chance. Daher war es eine Überraschung, als im Jahre 2008 ganze 80 Exemplare des Fleischfarbenen Knabenkrauts auf einer Weide bei Sønderho entdeckt wurden. Dass die Samen lange Zeit im Boden ruhen können, bis gute Wachstumsbedingungen gegeben sind, macht die Überraschung und Freude über den unverhofften Fund nur noch größer.